www.zweiter-oktober.de

Rede Bernd Riexinger

2. Oktober 2004

(Es gilt das gesprochene Wort)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Freundinnen und Freunde,

wir stehen heute hier, weil wir die von Bundeskanzler Gerhard Schröder angeprangerte Mitnahmementalität tatsächlich satt haben.
Aber nicht, von denen, die er gemeint hat, von den Sozialhilfeempfängern, Arbeitslosen und anderen kleinen Leuten, die jeden Tag um ihre Existenz kämpfen müssen, Sie nehmen nichts mit, sondern werden durch die Agenda 2010 noch beraubt. Ihnen wird genommen.

Nein, wir haben die Mitnahmementalität von Herrn Esser satt, der 50 Millionen Euro mitgenommen hat und dies für völlig normal hält, oder von Herrn Ackermann, der jedes Jahr 12 Millionen Euro mitnimmt und 30.000 Arbeitsplätze bei der Deutschen Bank vernichtet hat, oder von Herrn Schrempp, der 7 Millionen jedes Jahr mitnimmt und Milliarden für die Welt AG verbrannt hat, oder gar derjenigen, die den Staat und die Gesellschaft durch Steuerhinterziehung jährlich um 65 Milliarden betrügen und diese auf die Steuerparadiese dieser Welt mitnehmen.

Diese Mitnahmementalität haben wir wirklich satt, und sie muss schnellstens beendet werden.
Diese Mitnahmementalität beschränkt sich aber nicht nur auf das Mitnehmen von Millionen und Milliarden Euros, das genügt ihnen bei weitem nicht.
Sie wollen uns auch noch einiges wegnehmen:
Unsere erkämpften Löhne und Gehälter, unsere Sozialsysteme, unsere Tarifverträge, unsere erkämpften Rechte wie den Kündigungsschutz und vieles andere mehr. Auch diese Mitnahmementalität haben wir satt.

Von euch lassen wir uns das, was die Arbeiter- und die Gewerkschaftsbewegung in den letzten 100 Jahren erkämpft hat, nicht wegnehmen.
Wir stehen heute hier, weil wir gegen eine Politik protestieren, die das alles zulässt und sogar noch befördert.
Zu dieser Politik gibt es keine Alternative, sagt Bundeskanzler Schröder und verstärkt damit die Denkblockade in seiner Partei und darüber hinaus. Wir aber sind hier versammelt, weil wir uns keine Denkverbote auferlegen lassen.
Weder von Schröder noch von Merkel oder Westerwelle, wir sind hier, weil wir Alternativen zur Politik des neoliberalen Sozial- und Lohnabbaus sehen und sie auch durchsetzen wollen.

Wir lassen uns nicht weismachen, dass es zu einer Politik keine Alternativen geben soll, die nach Einschätzung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes durch die Einführung von Hartz IV weitere eineinhalb Millionen Menschen unter die Armutsgrenze fallen lässt.

Es soll keine Alternativen geben zu einer Politik die zulässt, dass Arbeitslose wegen Verdacht auf Missbrauch durch Hausbesuche kontrolliert werden, während es andererseits kein Problem bereitet, dass jährlich Milliarden Steuern hinterzogen werden.

Zu einer Politik die befördert, dass die hundert größten Konzerne seit Jahren keinen müden Euro Gewerbesteuer bezahlen mit Ausnahme von DaimlerChrysler, der inzwischen selbst ankündigen und bestimmen kann, ob er Steuern bezahlt oder nicht, während es den Kommunen hinten und vorne an Geld für Ganztagsplätze, Schulrenovierungen, Jugendhilfe, öffentlicher Personennahverkehr und vielem anderen fehlt.

Wir glauben auch nicht, dass es keine Alternativen zu einer Politik gibt, die der Pharmaindustrie höhere Gewinne zuschanzt, während der kleinen Verkäuferin, den Rentnern oder den Arbeitslosen mit Praxisgebühren und Zuzahlungen das Geld aus der Tasche gezogen wird.

Wir lassen uns nicht weismachen, dass es keine Alternativen zu einer Politik gibt die behauptet, es wäre kein Geld da und die es gleichzeitig zulässt, dass Deutschland als einzige Industrienation neben Österreich es sich leisten kann, auf eine Vermögensteuer zu verzichten, Die es sich leistet, in einer mehrstufigen Steuerreform dem Einkommensmillionär 67tausend Euro Steuerentlastung hinterher zu werfen, fast das Doppelte des Jahresverdienstes einer Krankenpflegerin, Erzieherin oder Verkäuferin Es ist genug Geld da, es ist nur falsch verteilt.
Wir müssen es uns dort holen, wo es ist.

Man will uns weismachen

  • dass mit Lohn- und Gehaltssenkungen,
  • dass mit dem Ausbau eines Niedriglohnsektors,
  • dass mit niedrigerem Arbeitslosengeld,
  • dass mit der Absenkung der Renten,
  • die Wirtschaft wieder in Schwung kommt, weil ja dadurch die jedes Jahr neu attestierte Nachfrageschwäche beseitigt wird.
    Das ist genauso logisch, wie wenn uns Herr Schröder in der Neujahrsansprache erklärt, wir sollen mehr kaufen für den Aufschwung und Frau Schmidt uns auffordert, wir sollen mehr zurücklegen für die Altersversorgung.
    Aber der herrschenden wirtschaftlichen und politischen Elite ist ja auf ihrem geistigen Tiefflug kein Argument zu schade, um ihre Politik durchzusetzen.

    So heißt es jetzt, ich zitiere die Stuttgarter Zeitung, "...unter Ökonomen macht sich so langsam die Angst breit, die Deutschen könnten mit ihrer verängstigten Lebenseinstellung den Wirtschaftsaufschwung zunichte machen bevor er so richtig eingesetzt hat." (Zitat Ende) Wir haben also nicht zu wenig Geld, weil wir schon seit 20 Jahren keinen Reallohnzuwachs mehr haben, weil man uns ständig für private Vorsorge, Gesundheit und Ähnliches die Euros aus der Tasche zieht, nein, wir sind zu pessimistisch und verängstigt und einfach nicht bereit, das Geld auszugeben, das wir nicht haben.
    Nein, von diesen Voodoopriestern der herrschenden Ökonomie können wir keine Unterstützung erwarten.

    Sie wollen uns weismachen,

  • dass die Arbeitslosigkeit nicht dadurch beseitigt wird, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden, sondern dadurch, dass den Arbeitslosen Geld weggenommen und der Druck auf sie erhöht wird
  • dass es neue Jobs gibt, wenn wir länger arbeiten, obwohl man uns gleichzeitig vorrechnet, wie viele Stellen damit eingespart werden
  • dass unsere Arbeitsplätze sicherer sind, wenn man uns durch die Aufweichung des Kündigungsschutzes leichter feuern kann
  • dass unsere öffentlichen Einrichtungen privatisiert werden sollen,
  • weil Private billiger und besser sind, obwohl wir jeden Tag bei Post, Bahn, Energieversorgern sehen, dass das Gegenteil der Fall ist.

    Liebe Kolleginnen und Kollegen,
    liebe Freundinnen und Freunde,

    es ist doch besonders perfide und empörend, dass das Überleben des Wirtschaftsstandortes davon abhängig sein soll, dass die ohnehin schon Benachteiligten und um ihre Existenz kämpfenden Menschen noch in größere Not gestürzt werden, während man den Reichen und Kapitalbesitzern das Geld hinterher wirft. Diese Politik ist weder sozialdemokratisch noch christlich, sondern unanständig.

    Wenn es zu dieser Politik keine Alternativen gäbe und in den letzten hundert Jahren gegeben hätte, müssten wir heute immer noch unter den Verhältnissen des Frühkapitalismus leben.

    Unsere Alternativen und Forderungen heißen:

  • Die Reichen und Kapitalbesitzer müssen endlich wieder angemessen Steuern zahlen
  • Wir wollen die Einführung der Vermögensteuer und die Rücknahme der Unternehmensteuerreformen
  • Wir wollen Rückverteilung von oben nach unten
  • Keine Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen und Einrichtungen. Lieber drei Symphonieorchester als einen Jäger 90.
  • Keine Verlängerung der Arbeitszeit. Wir wollen kein arbeitszeitpolitisches roll back in die 50er Jahre. Wir wollen Umverteilung von Arbeit auf mehr Köpfe und Hände durch Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich
  • Wir fordern einen gesetzlichen Mindestlohn, der zum Leben reicht
  • Wir wollen, dass jeder Jugendliche eine zukunftsorientierte und qualifizierte Ausbildung erhält. Dazu gehört der Ausbau des Bildungswesens, der freie Zugang zu den Hochschulen, keine Einführung von Studiengebühren
  • Wir wollen die demokratische Kontrolle der Wirtschaft. Die Wirtschaft ist kein Selbstzweck und alle, die uns weismachen wollen, dass eine Gesellschaft wie ein Betrieb funktionieren soll, zerstören die sozialen Grundlagen des Zusammenlebens einer jeden Gesellschaft.
  • Wenn die Wirtschaft ständig behauptet, sie könne sich die sozialen und Arbeitskosten nicht mehr leisten, so müssen wir die eigentlich naheliegendere und logische Frage stellen, ob wir uns diese Wirtschaft noch leisten können.

    Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde,

    wir stehen hier weil wir wissen und gelernt haben, dass sich ohne Proteste nichts ändert.
    Wir stehen hier, weil wir wissen, dass die Kapitalverbände und ihre politischen Verbündeten ihre Angriffe verstärken, wenn wir Ruhe geben. Und es freut mich, dass viele Tausende von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern heute hier sind. Die Gewerkschafter gehören hierher - mit oder ohne Aufruf ihrer Führungen.

    Der Arroganz und dem Hochmut der Herrschenden begegnen wir nicht mit Zurückweichen und Verzagtheit. Im Zurückweichen verteidigt es sich schlechter. Die Chance der Gewerkschaftsbewegung liegt in der Bewegung ihrer Mitglieder auf der Straße und in den Betrieben.

    Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit